Trigger. Ich ärgere MICH.
- Denise Steiner

- 25. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Warum ich mich ärgere und was es wirklich mit mir zu tun hat.
Ich war wütend und ärgerte mich. Manchmal heftiger, als es die Situation eigentlich gerechtfertigt hätte. Und oft fragte ich mich im Nachhinein, warum mich etwas so stark getriggert hatte. Lange dachte ich, mein Ärger entstehe durch das Verhalten der anderen. Mein Gegenüber sei schuld, dass ich mich schlecht fühle und wütend werde.
Heute weiss ich: Nicht jede Aktion braucht eine Reaktion. Und nicht jedes Gefühl, das in mir hochkommt, hat wirklich mit dem aktuellen Moment zu tun. Diese Erkenntnis war entscheidend, um Beziehungen gelassener und ruhiger zu leben.
Wir tragen Gefühle in uns, die eigentlich gar nicht mehr zu uns gehören. Glaubenssätze, die durch bestimmte Situationen in der Kindheit entstanden sind. In Momenten zwischen mir als Kind und einem Elternteil oder einer anderen erwachsenen Person. Vielleicht war diese Person damals selbst überfordert. Vielleicht konnte sie nicht anders reagieren. Doch ich habe die Situation als Kind so interpretiert, dass ich zur Last falle. Dass ich nicht genug bin und dass ich nicht wertvoll bin.
Also habe ich Strategien entwickelt. Ich zog mich zurück und passte mich an, denn ich wollte nicht stören und keine Last sein. Und so übernahm ich früh eine Verantwortung, die eigentlich nicht meine war. Diese Anpassung habe ich verinnerlicht. Geblieben ist das Gefühl, nicht gut genug zu sein, mein sogenanntes inneres Kind.
Unser Gehirn speichert Erfahrungen ab, vor allem Situationen, in denen wir uns schlecht gefühlt haben und die schmerzhaft waren. Natürlich gab es auch schöne und ermutigende Momente, in denen ich mich wertvoll fühlte. Doch oft bleiben gerade die negativen Eindrücke besonders stark in Erinnerung. Und genau mit diesen Erfahrungen sehe ich als Erwachsene die Welt.
Ich filtere Situationen durch das, was ich kenne. Wenn meine Erinnerung von Abweisung geprägt ist, erkenne ich in Beziehungen schneller Ablehnung, selbst dort, wo sie vielleicht gar nicht ist. So funktionieren Trigger: Wenn dann zum Beispiel jemand laut lacht oder etwas Unbedachtes sagt, spüre ich plötzlich dieses alte Gefühl: Ein Zusammenziehen im Bauch oder eine Enge in der Kehle. Und ich frage mich: Was habe ich falsch gemacht? Warum lacht diese Person so?
Doch dieses Lachen hat nichts mit der Person zu tun, die ich heute bin. Es löst etwas Altes in mir aus. Ich fühle mein inneres Kind und reagiere vielleicht unsicher, wütend oder ziehe mich zurück.
Es ist eine alte Erinnerung, die aktiviert wird. Vielleicht wurde ich früher ausgelacht oder nicht ernst genommen. Und mein System reagiert, als würde es gerade jetzt wieder passieren.
Was gehört wirklich zu mir und was gehört zum anderen?
Diese Frage hat viel in mir verändert. Im Beispiel mit dem Lachen: Vielleicht ist die Person selbst unsicher und lacht in solchen Momenten laut. Dann hat es nichts mit mir zu tun, sondern gehört zu ihr.
Ich habe gelernt, Situationen im Nachhinein zu reflektieren. Sie von aussen zu betrachten, wie eine Beobachterin. Nicht sofort im Gefühl zu bleiben, sondern innezuhalten. Denn wer mich ärgert, darüber entscheide immer noch ich (aus dem Buch "50 Sätze" von Karin Kuschik). Wenn ich die Verantwortung für meine Reaktion abgebe, verliere ich meine innere Stabilität.
Ärger ist nicht einfach nur Ärger. Mein Puls steigt, mein Körper spannt sich an, mein Nervensystem reagiert. Oft steckt dahinter etwas anderes: Verlustangst, Eifersucht, unausgesprochene Erwartungen, die nicht erfüllt wurden. Oft versuche ich dann, das Verhalten meines Partners zu verändern oder ihm vorzuschreiben, wie er sich verhalten sollte. Doch in Wahrheit hat meine Reaktion meistens mehr mit meiner Geschichte zu tun als mit seinem Verhalten. So entstehen Missverständnisse und am Ende weiss man kaum noch, was eigentlich der Auslöser war.
Deshalb frage ich mich heute: Was hat mich geprägt? Welche Glaubenssätze trage ich in mir? In welchen Situationen fühle ich mich besonders verletzlich?
Der entscheidende Punkt ist für mich: Reagiere ich gerade als Erwachsene oder fühlt mein inneres Kind?
Wenn ich merke, dass ein Gefühl sehr stark ist, versuche ich nicht mehr sofort zu reagieren. Ich nehme es wahr und frage mich: Woher kenne ich dieses Gefühl? Gehört es wirklich in diese Situation oder ist es alt?
In der Beobachterrolle kann ich unterscheiden. Ich kann meinem inneren Kind sagen: Du bist genug. Du bist genauso wertvoll wie dein Gegenüber. Und gleichzeitig prüfen, ob vielleicht wirklich eine Grenze überschritten wurde und ich berechtigt wütend bin.
Das zu unterscheiden ist nicht immer einfach. Denn wenn das innere Kind verletzt ist, ist die Toleranzgrenze niedriger. Man fühlt sich schneller angegriffen. Während jemand, der innerlich stabiler ist, dieselbe Situation vielleicht anders einordnet und dadurch eine grössere Gelassenheit entwickelt.
Für mich bedeutet Selbstverantwortung zu übernehmen, genau hinzuschauen: Habe ich gerade wirklich Grund, wütend zu sein, weil meine Grenzen überschritten wurden? Oder wurde ein alter Trigger aktiviert?
Wut ist nicht mein Feind, sie ist ein Hinweis. Sie zeigt mir, dass da noch etwas in mir gesehen und verarbeitet werden möchte.
Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, nicht indem ich den anderen verändere, sondern indem ich verstehe, was in mir passiert.
Nicht jede Aktion braucht eine Reaktion. Aber jede starke Reaktion verdient meine Aufmerksamkeit, um sie zu hinterfragen und daran zu arbeiten.


