Was erwartest du von mir?
- Denise Steiner

- 9. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

Wie ich mit Erwartungen der anderen umgehe.
Ich habe lange gedacht, dass die Erwartungen der anderen etwas mit mir zu tun haben. Dass ich ihnen gerecht werden muss und dass ich mich anpassen sollte, damit alles harmonisch bleibt und ich nicht anecke.
Heute sehe ich das anders. Erwartungen werden immer da sein, doch ich entscheide, wie ich damit umgehe.
Früher habe ich oft gespürt, dass etwas für mich nicht stimmig ist und trotzdem habe ich nicht auf mich gehört. Ich fühlte mich unsicher, habe mich angepasst und so meine eigenen Bedürfnisse immer wieder hinten angestellt. Ich war so in meinem Funktionsmodus und dachte, die anderen wissen vielleicht besser, was richtig ist.
Erst mit der Zeit habe ich begonnen, mich selbst besser kennenzulernen und mich zu fragen, was mir wirklich guttut. Und auch ehrlich hinzuschauen, was mich unglücklich macht.
Und genau dort beginnt oft der schwierigste Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Denn dieses Hinschauen ist nicht immer angenehm. Es löst Emotionen aus, die man vielleicht lange weggeschoben hat. Und manchmal bedeutet es auch, sich einzugestehen, dass man ein Leben lebt, das sich nicht wirklich richtig anfühlt.
Doch in dem Moment, in dem ich beginne, wirklich meine Bedürfnisse wahrzunehmen, entsteht auch etwas anderes: Verantwortung. Denn Wahrnehmung erzwingt Handlung. Ich kann nicht mehr wegschauen. Ich merke, dass ich etwas verändern darf und will.
Veränderung ist nicht bequem. Sie ist oft anstrengend, ungewohnt und manchmal auch beängstigend. Aber ich kenne dieses Gefühl nach der Veränderung. Dieses Gefühl von Freiheit, das sich so gut anfühlt. Und genau dieses Gefühl ist es, das mich immer wieder daran erinnert, warum es sich lohnt, hinzuschauen und an mir zu arbeiten.
Ein grosser Wendepunkt in meinem Leben war der Zusammenbruch meines Körpers. Ab diesem Moment wusste ich, dass ich sofort etwas verändern will. Ich musste bei mir anfangen. Die Umstände konnte ich nicht ändern, aber wie ich damit umgehe. Denn plötzlich erwarteten alle etwas von mir. Alle redeten auf mich ein, was ich machen sollte. Doch ich spürte so einen Widerstand, allem zuzustimmen, dass ich mir sehr viel Zeit nahm, herauszufinden, was ich überhaupt will.
Ich habe gemerkt, wie sehr Selbstzweifel den Erwartungen von aussen Raum geben. Wenn ich unsicher bin oder wenn ich das Gefühl habe, nicht gut genug zu sein, dann bekommen die Meinungen anderer plötzlich viel Gewicht. Dann beginne ich zu denken, dass sie vielleicht recht haben. Wissen wurde für mich zu einer wichtigen Grundlage. Und je mehr ich mich mit mir selbst auseinander- setzte und mir Wissen angeeignet habe, desto mehr konnte ich für mich einstehen und auch Nein sagen.
Ich habe gemerkt, dass genau daraus Klarheit entsteht. Und mit dieser Klarheit verlieren die Erwartungen von aussen an Bedeutung. Nicht, weil sie verschwinden, sondern weil ich immer besser weiss, wer ich bin, was ich will, wo meine Grenzen sind und wie ich mit Erwartungen umgehe.
Was auch sehr viel Raum für Erwartungen der anderen schafft, ist ein schlechtes Gewissen gegenüber einer Person zu haben. Oft entsteht dieses Gefühl aus Scham, Mitleid oder dem Gedanken, jemandem etwas schuldig zu sein. Und genau daraus entsteht dann schnell der Impuls, es „wieder gut zu machen“, indem ich Erwartungen erfülle, obwohl sie sich für mich nicht richtig anfühlen.
Kein schlechtes Gewissen zu haben bedeutet für mich nicht, rücksichtslos zu sein, sondern eine Freiheit zu leben, die nicht davon abhängt, was andere denken oder erwarten.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues:
Nicht mehr zu fragen, was andere von mir erwarten, sondern ehrlich zu spüren, was ich wirklich will.


